Fundstück der Woche: 80 Ampere aus Keramik

Fundstück der Woche: 80 Ampere aus Keramik

Eine historische Sicherung mit Halter

Eine Sicherung ist eigentlich ein ziemlich unscheinbares Bauteil. Sie sitzt irgendwo im Stromkreis und verrichtet jahrelang unauffällig ihren Dienst – bis irgendwann etwas schiefgeht.

Dann soll sie genau das tun, wofür sie gebaut wurde: den Stromkreis zuverlässig unterbrechen.

Unser Fundstück dieser Woche ist allerdings nicht gerade für kleine Ströme gedacht. Auf dem keramischen Sicherungseinsatz steht:

80 A – 500 V

Dazu gehört ein passender, ebenfalls historischer Sicherungshalter mit kräftigen Kontaktfedern.

Und genau bei solchen alten Bauteilen wird es spannend: Man sieht ihnen die technische Entwicklung vergangener Jahrzehnte geradezu an.

80 Ampere – das ist schon ordentlich

80 Ampere sind eine ganze Menge Strom.

Zum Vergleich: Ein normaler Haushaltsstromkreis mit Steckdosen wird in Deutschland typischerweise mit 16 A abgesichert.

Unser Sicherungseinsatz ist also für einen Strom ausgelegt, der ungefähr dem Fünffachen entspricht.

Die Angabe 500 V bezeichnet dabei die Bemessungsspannung des Sicherungseinsatzes. Beide Werte gehören zusammen und geben einen wichtigen Hinweis darauf, in welcher Größenordnung die Sicherung eingesetzt werden konnte.

Es handelt sich also nicht um eine kleine Gerätesicherung, sondern um ein Bauteil für kräftige elektrische Anlagen, Maschinen oder Verteilungen.

Und diese Sicherungen gab es nicht nur mit 80 A

Das ist bei unserem Fundstück besonders interessant.

Solche Messersicherungen beziehungsweise NH-Sicherungseinsätze wurden in zahlreichen unterschiedlichen Nennströmen hergestellt.

Je nach Baugröße und Ausführung gab es beispielsweise Varianten mit:

6 A, 10 A, 16 A, 20 A, 25 A, 32 A, 35 A, 40 A, 50 A, 63 A, 80 A, 100 A, 125 A und 160 A

und bei größeren Baugrößen noch deutlich höhere Stromstärken.

Auch heute sind NH-Sicherungseinsätze in vielen verschiedenen Stromstufen erhältlich.

Das Prinzip dahinter ist logisch: Die Sicherung muss zur Leitung, Anlage und vorgesehenen Belastung passen.

Eine 16-A-Sicherung schützt einen völlig anderen Stromkreis als eine 80-A-Sicherung.

Eine Technik, die schon viele Jahrzehnte alt ist

Unser Fundstück gehört in die Welt der historischen NH-Sicherungstechnik.

Auf dem Halter ist unter anderem eine TGL-Kennzeichnung zu erkennen.

TGL steht für Technische Normen, Gütevorschriften und Lieferbedingungen und war das technische Normensystem der DDR.

Die auf dem Bauteil erkennbare Kennzeichnung TGL 200-3729 ist dabei ein besonders schönes Detail. Vergleichbare historische Sicherungseinsätze nach dieser Norm wurden beispielsweise als 80-A-/500-V-Ausführungen hergestellt.

Damit lässt sich das Stück eindeutig in die Zeit der DDR-Elektrotechnik einordnen.

Wann wurden solche Sicherungen eingesetzt?

Solche Sicherungssysteme waren insbesondere in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Industrieanlagen, Maschinen, Energieverteilungen und größeren elektrischen Installationen zu finden.

Das passt auch sehr gut zum Erscheinungsbild unseres Fundstücks: Keramikkörper, massive Metallteile und ein ausgesprochen robuster Sicherungshalter.

Die Technik war nicht auf eine bestimmte kleine Anwendung beschränkt. Das Grundprinzip der NH-Sicherung wurde und wird für ganz unterschiedliche Anlagen eingesetzt.

Und genau deshalb findet man solche Sicherungen heute noch in alten Schaltschränken, Maschinen und elektrischen Anlagen.

Warum eigentlich Keramik?

Die weiße Hülle des Sicherungseinsatzes besteht aus einem keramischen Isolierstoff.

Das hat einen guten Grund.

Im Fehlerfall kann es im Inneren einer Sicherung sehr heiß werden. Gleichzeitig kann beim Unterbrechen eines hohen Kurzschlussstroms ein Lichtbogen entstehen.

Das Gehäuse muss deshalb elektrisch isolieren und gleichzeitig hohe thermische Belastungen aushalten.

Keramik eignet sich dafür hervorragend:

  • elektrisch gut isolierend
  • temperaturbeständig
  • mechanisch stabil
  • nicht brennbar
  • unempfindlich gegenüber hohen Temperaturen

Die weiße Keramikhülle ist also keineswegs nur eine historische Designentscheidung. Sie gehört zum eigentlichen Sicherheitskonzept.

Was passiert, wenn zu viel Strom fließt?

Im Inneren der Sicherung befindet sich ein speziell dimensionierter Schmelzleiter.

Fließt Strom hindurch, erwärmt er sich.

Wird der Strom zu groß, steigt die Temperatur des Schmelzleiters immer weiter an. Irgendwann schmilzt er und unterbricht damit den Stromkreis.

Das Grundprinzip lässt sich auf einen einfachen Zusammenhang reduzieren:

Mehr Strom → mehr Wärme → Sicherung löst aus.

Dabei kommt es nicht nur auf die Höhe des Stroms an, sondern auch darauf, wie lange der Überstrom fließt.

Ein relativ kleiner Überstrom kann deshalb deutlich länger toleriert werden als ein massiver Kurzschluss.

Bei einem Kurzschluss muss die Sicherung dagegen möglichst schnell reagieren.

Warum kann eine Sicherung nicht einfach einen Schalter ersetzen?

Weil sie eine andere Aufgabe hat.

Ein Schalter soll einen Stromkreis bewusst öffnen und schließen.

Eine Sicherung soll dagegen im Fehlerfall automatisch reagieren.

Und gerade bei hohen Kurzschlussströmen wird das anspruchsvoll.

Wenn der Schmelzleiter durchbrennt, entsteht zunächst zwischen den getrennten Enden ein Lichtbogen. Dieser muss gelöscht werden, damit der Stromkreis tatsächlich sicher unterbrochen bleibt.

Bei leistungsfähigen Sicherungseinsätzen wird deshalb eine spezielle Konstruktion verwendet, die das Löschen des Lichtbogens unterstützt.

Das ist einer der Gründe, warum eine solche Sicherung wesentlich mehr ist als einfach nur „ein Draht, der durchbrennt“.

Die kräftigen Messer sind keine Nebensache

Schaut man sich unser Fundstück genauer an, fallen sofort die massiven Metallkontakte auf.

Das sind die sogenannten Messer des Sicherungseinsatzes.

Sie werden in die entsprechenden Kontakte des Sicherungshalters eingeschoben.

Und gerade bei 80 A müssen diese Kontakte ordentlich ausgeführt sein.

Denn jeder elektrische Kontakt besitzt einen kleinen Übergangswiderstand. Bei hohen Strömen kann daraus Wärme entstehen.

Deshalb sind:

  • sauber anliegende Kontakte
  • ausreichender Kontaktdruck
  • passende Kontaktflächen
  • und eine mechanisch stabile Konstruktion

bei solchen Sicherungssystemen besonders wichtig.

Der alte Sicherungshalter auf unseren Fotos ist dafür ein schönes Beispiel. Die kräftigen Kontaktfedern sind eindeutig nicht für ein paar Milliampere gebaut worden.

Der Sicherungshalter gehört zum System

Besonders schön an unserem Fundstück ist, dass wir nicht nur den Sicherungseinsatz haben.

Auch der passende Halter ist noch vorhanden.

Damit bekommt man einen viel besseren Eindruck davon, wie solche Sicherungen tatsächlich eingesetzt wurden.

Der Halter sorgt dafür, dass die Sicherung:

  • mechanisch sicher sitzt,
  • elektrisch zuverlässig kontaktiert wird,
  • und bei einem Defekt ausgetauscht werden kann.

Gerade die Kombination aus cremefarbenem Isolierkörper, massiven Metallteilen und den großen Kontaktfedern macht das Stück zu einem schönen Beispiel historischer Elektrotechnik.

Ein Blick auf die Beschriftung

Auf unserem Sicherungseinsatz ist die Beschriftung noch sehr gut zu erkennen:

80 A
500 V

Auf dem Halter findet sich außerdem die historische TGL-Kennzeichnung.

Solche Beschriftungen sind für Sammler und Restauratoren besonders interessant. Sie ermöglichen häufig eine genauere Einordnung eines Bauteils, auch wenn Hersteller, Baujahr oder ursprünglicher Einsatzort längst nicht mehr bekannt sind.

Bei historischen DDR-Bauteilen sind solche kleinen eingeprägten oder aufgedruckten Angaben daher oft wahre Zeitzeugen.

Von der DDR bis heute

Das Spannende an dieser Technik ist, dass das Grundprinzip keineswegs verschwunden ist.

NH-Sicherungen werden auch heute noch eingesetzt, beispielsweise zum Schutz von Leitungen und Anlagen in Verteilungen und anderen leistungsstarken elektrischen Installationen. Moderne Sicherungseinsätze gibt es weiterhin in zahlreichen Stromstufen und Baugrößen.

Natürlich haben sich Materialien, Normen, Kennzeichnungen und Bauformen weiterentwickelt.

Aber das grundlegende Prinzip ist geblieben:

Wenn der Strom gefährlich groß wird, trennt die Sicherung den Stromkreis.

Warum wir solche alten Bauteile spannend finden

Genau das macht für uns den Reiz solcher Fundstücke aus.

Heute steckt man eine Sicherung oft einfach irgendwo hinein und denkt nicht weiter darüber nach.

Bei diesem alten Exemplar kann man dagegen noch richtig erkennen, wie die Technik aufgebaut ist.

Keramikisolierung.
Massive Metallkontakte.
Schmelzsicherung.
Sicherungshalter.
TGL-Kennzeichnung.

Und plötzlich wird aus einem unscheinbaren alten Bauteil ein kleines Stück Technikgeschichte.

80 Ampere – 500 Volt.

Ein ziemlich beeindruckendes kleines Stück DDR-Elektrotechnik. 😉

Unser Fundstück

Die abgebildete historische 80-A-/500-V-Sicherung mit passendem Sicherungshalter stammt aus unserem Bestand.

Für Sammler historischer Elektrotechnik, Restauratoren, Liebhaber alter Industrieelektrik und Technikbegeisterte ist sie ein schönes Beispiel dafür, wie robust elektrische Schutztechnik früher aufgebaut war.

Bauteile mit Geschichte, Zukunft und Leidenschaft.

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