Fundstück der Woche: DDR-Melderelais RA 70
Warum dieses Relais rot, weiß und schwarz „erzählt“
Was ist das denn?

Genau diese Frage haben wir uns bei diesem Fundstück wahrscheinlich nicht als Einzige gestellt.
Auf den ersten Blick sieht das beigefarbene Bauteil eher aus wie irgendein ungewöhnlicher Schalter. Vorne befindet sich ein kleines Sichtfenster mit einer auffälligen Zickzack-Markierung, hinten kommen mehrere Anschlüsse heraus – und im Inneren steckt eine erstaunlich aufwendige Mechanik.
Die Aufschrift verrät schließlich, womit wir es zu tun haben:
RA 70 – ein Melderelais aus DDR-Produktion nach TGL 34662.
Und dieses Relais kann etwas, was ein gewöhnliches Relais nicht kann:
Es kann sich eine Störung merken.
Ein Relais, das nicht einfach wieder „zurückspringt“
Ein gewöhnliches elektromagnetisches Relais arbeitet nach einem relativ einfachen Prinzip:
Eine Spule wird angesteuert, ein Magnetfeld entsteht, ein Anker bewegt sich und die Kontakte werden geschaltet.
Fällt die Ansteuerung weg, kehrt das Relais wieder in seine Ausgangsstellung zurück.
Beim RA 70 ist die Sache etwas raffinierter.
Es handelt sich um ein Melderelais zur Meldung und Überwachung von Betriebszuständen, Störungen und Fehlern. Solche Relais wurden unter anderem in Energieerzeugungs- und Energieverteilungsanlagen sowie in Industrieanlagen eingesetzt.
Und wenn eine überwachte Störung auftritt, passiert etwas Entscheidendes:
Die Meldung bleibt sichtbar – auch wenn die eigentliche Ursache bereits wieder verschwunden ist.
Genau dafür besitzt das RA 70 seine auffällige mechanische Fallklappe.
Was bedeuten die Farben?
Und jetzt kommt der Teil, der dieses alte Bauteil besonders interessant macht.
Die Anzeige besitzt drei Zustände:
⚪ Weiß – Ausgangszustand

Im normalen Ausgangszustand ist das Sichtfeld weiß.
Das bedeutet vereinfacht:
Alles ist in der Ausgangsstellung. Es liegt keine gespeicherte Meldung vor.
🔴 Rot – Meldezustand

Tritt die überwachte Störung oder der entsprechende Meldezustand auf, fällt die Klappe um und im Sichtfenster erscheint:
ein rotes „M“ auf weißem Grund.
Das ist die eigentliche Meldung.
Das Entscheidende dabei:
Die rote Anzeige bleibt bestehen.
Selbst wenn die Ursache der Störung zwischenzeitlich wieder verschwunden ist, bleibt die Meldung erhalten. Genau dadurch kann ein Mitarbeiter später erkennen, dass überhaupt ein Ereignis aufgetreten ist.
⚫ Schwarz – Quittierzustand

Und hier wird es richtig interessant.
Wird die Meldung manuell quittiert, verschwindet die rote Anzeige nicht einfach sofort wieder.
Stattdessen erscheint:
ein schwarzes „M“ auf weißem Grund.
Das ist der Quittierzustand.
Damit konnte man erkennen:
Die Meldung wurde bereits wahrgenommen und quittiert.
Erst wenn auch die eigentliche Meldeursache beseitigt ist, kehrt die Anzeige wieder in den weißen Ausgangszustand zurück.
Damit erzählt dieses kleine Relais praktisch eine kleine Geschichte:
Weiß → keine Meldung
Rot → Meldung aufgetreten
Schwarz → Meldung quittiert, Ursache aber noch vorhanden
Weiß → Ursache beseitigt, wieder Ausgangszustand
Und was passiert dabei im Inneren?




Das sieht man bei unserem Fundstück besonders schön.
Im Inneren befindet sich ein elektromagnetisches Magnetsystem mit Spule und beweglichem Anker.
Wird die Spule entsprechend angesteuert, entsteht ein Magnetfeld. Dieses bewegt den Anker und betätigt die Schaltmechanik.
Doch beim RA 70 wird diese Bewegung nicht nur zum Schalten elektrischer Kontakte verwendet.
Sie löst gleichzeitig die mechanische Fallklappe der Anzeige aus.
Die Herstellerunterlagen beschreiben dafür einen Klappanker mit Schneidenlagerung sowie eine mechanische Klinke für die Fallklappenauslösung.
Und genau deshalb ist das Innenleben unseres Fundstücks so sehenswert.
Man erkennt:
- die Spule
- den magnetischen Eisenkreis
- den beweglichen Anker
- Federn und Rückstellmechanik
- die elektrischen Kontakte
- die mechanische Verriegelung
- und die Verbindung zur sichtbaren Meldeanzeige
Hier ist also nicht einfach nur ein elektrischer Schalter versteckt.
Hier arbeitet Elektromagnetismus direkt mit einer mechanischen Speicherfunktion zusammen.
Wofür brauchte man so etwas?
Stellt euch beispielsweise eine industrielle Anlage vor.
Ein Motor, Transformator oder eine andere Anlage wird überwacht. Irgendwo tritt ein Fehler auf.
Das Melderelais spricht an.
Klack.
Die Fallklappe springt um und zeigt Rot.
Vielleicht wird die eigentliche Störung kurz darauf beseitigt. Ein normales Relais würde wieder in seinen Ausgangszustand zurückkehren.
Das RA 70 sagt dagegen sinngemäß:
„Moment – hier ist etwas passiert!“
Die Meldung bleibt gespeichert, bis sie von einer Person quittiert wird.
Das war besonders bei Anlagen wichtig, bei denen nicht ständig jemand direkt neben der überwachten Technik stand.
Die Kontakte des Melderelais konnten außerdem für optische oder akustische Anzeigen verwendet werden oder weitere Relais ansteuern – beispielsweise um bei einer Störung Anlagenteile abzuschalten.
Interessant: Es gab verschiedene Ausführungen
Das RA 70 war kein Relais mit nur einer einzigen festen Ausführung.
Laut Unterlagen gab es unterschiedliche Kontaktsysteme, beispielsweise mit Wechslern, Wischkontakten oder Schließern. Außerdem gab es unterschiedliche Spulenausführungen und Varianten für Arbeitsstrom- und Ruhestrombetrieb.
Auch bei den Spulenspannungen gab es eine große Auswahl.
Die Baureihe wurde für Nennspannungen von 12 V bis 400 V AC sowie 12 V bis 220 V DC angeboten.
Das zeigt ganz gut, dass es sich hier keineswegs um irgendein exotisches Bastelrelais handelt.
Das RA 70 war ein richtiges industrielles Melde- und Überwachungsgerät.
Ein kleines Stück DDR-Schalttechnik
Auf unserem Fundstück findet sich die Bezeichnung RA 70 sowie die Kennzeichnung nach TGL 34662.
Die TGL 34662 stammt aus dem Bereich der kontaktgebenden Niederspannungsgeräte und trägt die Bezeichnung „Melderelais; Hauptmaße, Kennwerte“.
Damit lässt sich unser Fundstück ziemlich genau einordnen.
Und genau solche Bauteile finden wir besonders spannend:
Sie sehen auf den ersten Blick unspektakulär aus.
Aber sobald man sie öffnet, erzählen sie eine Geschichte über eine Zeit, in der viele technische Probleme mit Elektromagneten, Federn, Kontakten und cleverer Mechanik gelöst wurden.
Keine Mikrocontroller.
Kein Display.
Keine Software.
Stattdessen:
Ein Magnet zieht einen Anker an, eine Mechanik fällt um – und schon weiß der Techniker, was passiert ist.
Und irgendwie ist das ziemlich genial.
🔧 Unser Fundstück der Woche
DDR Melderelais RA 70 – TGL 34662
Ein elektromechanisches Melderelais zur Überwachung und Meldung von Betriebszuständen und Störungen – mit mechanisch gespeicherter Anzeige in Weiß, Rot und Schwarz.
Ein kleines Bauteil, das deutlich mehr kann, als sein unscheinbares Äußeres vermuten lässt.
Und genau deshalb gehört es für uns in die Kategorie:
„Was zum Teufel ist das eigentlich?“ – und „Oh … das ist ja richtig clever!“ 😄