Fundstück der Woche – RELOG 2 RH 30

Fundstück der Woche – RELOG 2 RH 30

Das Relais, das ganze Fabriken steuerte

Wenn man heute einen modernen Schaltschrank öffnet, blickt man meist auf SPS-Baugruppen, Bussysteme und Elektronik. Vor 40 oder 50 Jahren sah das ganz anders aus. Damals bestand die "Intelligenz" einer Maschine aus Relais – hunderten Relais.

Eines davon ist unser heutiges Fundstück: das RELOG 2 RH 30 der VEB Elektro-Apparate-Werke Berlin-Treptow (EAW).

Mit seiner transparenten Schutzhaube lässt sich der komplette Schaltvorgang beobachten – ein faszinierendes Stück Feinmechanik, das eindrucksvoll zeigt, wie elegant elektromechanische Steuerungen funktionieren.

Das RELOG-System – mehr als nur ein Relais

Viele denken bei RELOG an einen einzelnen Relaistyp. Tatsächlich handelte es sich um ein modulares Relaissystem, das Ende der 1960er Jahre entwickelt wurde und über Jahrzehnte die Standard-Schalttechnik der DDR bildete.

Das Baukastensystem umfasste unter anderem:

Schaltrelais

Zeitrelais

Impulsrelais

Speicherrelais

Überwachungsrelais

Relais mit Fallklappe

Relais mit Handbetätigung

Melderelais

verschiedene Relaisfassungen

Zubehör wie Haltebügel, Steckbrücken und Beschriftungsstreifen

Dadurch konnten komplette Steuerungen ausschließlich aus RELOG-Komponenten aufgebaut werden.

Technische Daten des 2 RH 30

Hersteller

VEB Elektro-Apparate-Werke Berlin-Treptow (EAW)

Typ

RELOG 2 RH 30

Bauart

Elektromagnetisches Steckrelais

Spulenspannung

24 V Wechselspannung

Frequenz

50 Hz

Kontakte

4 Wechsler

Kontaktwerkstoff

Silber-Kupfer (AgCu)

Kontaktbelastbarkeit

220 V / 3 A (je nach Ausführung auch höher spezifiziert)

Schutzart

IP40

Stecksockel

14-polige Steckfassung

Betriebsart

Dauerbetrieb

Was passiert beim Einschalten?

Legt man 24 Volt Wechselspannung an die Spule an, entsteht ein magnetisches Wechselfeld.

Der Eisenanker wird gegen die Kraft einer Rückstellfeder angezogen.

Über eine bewegliche Kontaktbrücke werden dabei gleichzeitig vier voneinander unabhängige Wechslerkontakte betätigt.

Dadurch können mehrere Stromkreise gleichzeitig geschaltet werden.

Zum Beispiel:

Motor EIN

Signallampe EIN

Verriegelung LÖSEN

weiteres Relais ANSTEUERN

Alles mit nur einem einzigen Steuerstrom.

Ein interessantes Detail: Der Schattierungsring

Schaut man sich die Spule genau an, entdeckt man einen kleinen Kupferring am Magnetkern.

Viele halten ihn für ein Befestigungsteil.

Dabei erfüllt er eine äußerst wichtige Aufgabe.

Da das Relais mit Wechselspannung arbeitet, würde die Magnetkraft bei jedem Nulldurchgang – also 100-mal pro Sekunde – kurz zusammenbrechen.

Der Anker würde anfangen zu flattern oder laut zu brummen.

Der Schattierungsring erzeugt durch Induktion ein leicht verzögertes Magnetfeld.

Dadurch bleibt immer ein kleiner Restmagnetismus erhalten und der Anker wird auch während des Nulldurchgangs sicher festgehalten.

Ohne diesen Ring wäre ein Wechselspannungsrelais kaum zuverlässig einsetzbar.

Ein kleines Bauteil mit großer Wirkung.

Vier Wechsler – warum so viele?

Ein Wechsler besitzt drei Anschlüsse:

Ruhekontakt (NC)

Arbeitskontakt (NO)

gemeinsamen Kontakt (COM)

Mit vier Wechslern konnte eine Maschine mehrere Funktionen gleichzeitig ausführen.

Typische Anwendungen waren:

Stern-Dreieck-Anlauf

Verriegelung zweier Schütze

Sicherheitsabschaltungen

Meldekreise

Selbsthalteschaltungen

Freigabeschaltungen

Gerade bei klassischen Relaissteuerungen war diese Kontaktvielfalt unverzichtbar.

Mechanik statt Software

Heute erledigt eine SPS diese Aufgaben mit wenigen Programmzeilen.

Früher wurde jede logische Verknüpfung tatsächlich verdrahtet.

UND-, ODER- oder NICHT-Funktionen entstanden allein durch die geschickte Kombination verschiedener Relaiskontakte.

Das führte dazu, dass größere Werkzeugmaschinen problemlos 100 bis 300 Relais enthalten konnten.

Erfahrene Elektriker konnten damals anhand des Schaltgeräusches erkennen, ob eine Anlage korrekt arbeitete oder ob sich ein Relais nicht mehr bewegte.

Die verschiedenen RELOG-Relais

Das 2 RH 30 war nur ein Vertreter einer großen Familie.

Je nach Anwendung gab es unter anderem:

2 RH 28 – 2 Wechsler

2 RH 30 – 4 Wechsler

2 RH 32 – 4 Zwillingswechsler

Relais mit Goldkontakten für Mess- und Fernmeldetechnik

Ausführungen mit Fallklappe zur optischen Zustandsanzeige

Relais mit mechanischer Handbetätigung

Varianten mit unterschiedlichen Spulenspannungen von wenigen Volt bis 220 V

Gleich- und Wechselspannungsausführungen

Zeitglieder und Spezialrelais auf derselben Systembasis

Diese große Variantenvielfalt machte RELOG zu einem der wichtigsten Relaissysteme der DDR.

Warum sind diese Relais heute noch beliebt?

Obwohl moderne SPS-Steuerungen die klassische Relaistechnik weitgehend ersetzt haben, sind RELOG-Relais bis heute gefragt.

Sie werden verwendet für:

Restaurierung historischer Maschinen

Museumsanlagen

Modelleisenbahn-Steuerungen

Lehrzwecke

Ersatzteilversorgung älterer Industrieanlagen

Sammlungen historischer DDR-Elektrotechnik

Gerade das transparente Gehäuse macht sie besonders reizvoll, denn kaum ein anderes Relais erlaubt einen so direkten Blick auf seine faszinierende Mechanik.

💡 Technikerwissen

Warum bestehen Relaiskontakte nicht aus Kupfer?

Kupfer leitet zwar hervorragend, oxidiert jedoch schnell. Schon nach kurzer Zeit würde sich eine Oxidschicht bilden, die den Übergangswiderstand erhöht.

Deshalb verwendete EAW beim RELOG Silber-Kupfer-Kontakte (AgCu). Silber besitzt die höchste elektrische Leitfähigkeit aller Metalle und brennt beim Schalten entstehende Oxidschichten häufig selbst wieder frei. Dadurch bleiben die Kontakte über viele tausend Schaltspiele zuverlässig.

🔍 Wusstest du schon?

Drehe dein RELOG einmal um und betrachte die Kontaktbelegung auf der Unterseite. Die Anschlussnummern sind direkt in den Sockel eingeprägt. Für einen Schaltschrankbauer war das Gold wert: Relais konnten innerhalb weniger Sekunden gewechselt werden, ohne die Verdrahtung zu verändern. Das steckbare RELOG-System sparte im Wartungsfall wertvolle Zeit – ein großer Vorteil gegenüber fest verdrahteten Relais früherer Generationen.

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